Das Pilzjahr 2006
Das
Jahr 2006 war ein Jahr der Extreme. Besonders der für das Pilzaufkommen wichtige
Herbst war ungünstig. Trotzdem gelangen auch 2006 wieder einige bemerkenswerte
Nachweise, darunter etliche in NRW stark gefährdete Arten. Meine subjektive
TOP 21 sieht folgendermaßen aus:
Den Anfang machte im März ein
Fund im Schnee auf der Hoppenbruchhalde in Herten. Gemeint ist der Blasse
Adermoosling (Arrhenia retiruga), der trotz seines Aussehens systematisch
gesehen zu den
Blätterpilzen,
genauer gesagt zur Familie der Ritterlingsartigen gehört. Er fruktifiziert
regelmäßig an weiteren Standorten in Wattenscheid und Recklinghausen.
Im ersten Halbjahr 2006 waren vor allem kleine Ascomyceten bemerkenswert. Im April
wurde im Essener Nordwesten, der nur 0,5 mm große Grevilles
Schwarzbecherkernpilz (Nitschkia grevillei) gefunden. Die Art besiedelt
abgestorbenes Laubholz. Ebenfalls an Laubholz wächst die Eschen-Kohlenbeere
(Hypoxylon fraxinophilum), die im Mai bei Ratingen entdeckt wurde. Dieser
Pilz ist im Gegensatz zu anderen Hypoxylon-Arten leicht vom Substrat abzulösen.
Im Juni fanden wir in Bottrop den Rotbuchenrindenkugelpilz Biscogniauxia
nummularia. Diese Art ist im Ruhrgebiet ziemlich selten, obwohl sie keine
besonderen Substratansprüche stellt. Doch auch die eine oder andere Großpilzart
überraschte uns im ersten Halbjahr 2006. Als Beispiel sei der Falbe
Ackerling (Agrocybe putaminum) genannt. Die Art fruktifizierte
im Mai auf Holzhäcksel, die nach Auslichtung einer Pappel an einem Straßenrand
im Essener Nordwesten entstanden waren.
Nachdem
im ungewöhnlich heißen Juli das Pilzwachstum fast auf Null zurückgegangen
war, entschädigte uns der
verregnete
August mit einigen bemerkenswerten Funden. Ende August wurde in Herne unter Straßenbäumen
der Seidenschirmling (Sericeomyces
sericifer) gefunden. Die Art ist auch als S. sericatus (incl. der 2-sporigen
Form sericatellus) bekannt. Beim Trocknen verfärben sich die Lamellen
hellbraun im Gegensatz zu S. crystallifer und S. serenus. Der Seidenschirmling
gilt als wärmeliebend und ist in NRW erst wenige Male nachgewiesen worden.
Zur gleichen Zeit wuchs auf dem Hertener Waldfriedhof und dem Essener Südwestfriedhof,
der in NRW stark gefährdete Duftende
Zwergtäubling (Russula odorata). Er ist im nordwestdeutschen
Tiefland nicht selten, tritt aber nur in Parkrasen unter Eichen auf (JAHN 1973).
Einer der spektakulärsten Funde in 2006 gelang ebenfalls im August in Hösel.
Rotbraun gefärbte, große Röhrlinge unter Linden an einem sehr
nährstoffreichen, aber nicht kalkhaltigem Randstreifen in Hösel stellten
sich als Glattstielige Hexenröhrlinge
(Boletus queletii) heraus. Diese Art ist wärmeliebend und profitierte
von dem heißen Sommer 2006, wie auch mehrere Fundmeldungen im Internet belegen.
Ebenfalls in Hösel wuchs an einem morschen Baumstamm der Netzaderige Mistpilz
Bolbitius reticulatus (s. erstes Foto). Für diese Art waren die Witterungsbedingungen
in 2006 wohl ebenfalls günstig, denn die in NRW gefährdete Art wurde
auch noch im September im Hertener Schloßpark an Holzresten gefunden.
Anfang September ging es aber erst
einmal zur Fuelbecker Talsperre. Beeindruckend war trotz des Dauerregens
die Vielzahl der Täublinge, die mit gefundenen 17 Arten den Pilzaspekt
bestimmten. Hervorheben möchte ich jedoch einen kleinen Vertreter
der artenreichen Gattung der Faserlinge und Mürblinge. Auf Holzhäcksel
fanden wir den Haarvelum-Faserling (Psathyrella canoceps),
den wir 2006 erstmals für die Talsperre notieren konnten (s. zweites
Foto). Mitte September fand unsere mehrtägige Eifelexkursion statt.
Am Rand der Kalkeifel hofften wir auf Funde, die in unseren Nahexkursionsgebieten
nicht möglich sind und wir wurden nicht enttäuscht. In einem
Kalk-Buchenwald wuchsen u.a. Schwarzhütiger Steinpilz (Boletus
aereus), Feuerfüßiger
Gürtelfuß (Cortinarius bulliardii), Gelbflockiger
Wulstling (Amanita franchetii, siehe drittes Foto), der Falsche
Satansröhrling (Boletus rubrosanguineus) und der Rotstielige
Ledertäubling (Russula olivacea). Der Falsche Satansröhrling
wurde 2002 erstmals in der Eifel nachgewiesen (TINTLING 1/2003). Im
gleichen Jahr konnten wir ihn bei Münster finden. Während
von den vier erstgenannten Arten nur wenige Exemplare gefunden werden
konnten, trat der Rotstielige Ledertäubling in verschiedenen Wäldern
in größerer Anzahl auf. Weitere bemerkenswerte Funde der
Eifelexkursion waren der in NRW gefährdete Fleckende
Schmierschirmling
Chamaemyces fracidus und der holzbewohnende Orangebraune Flockenschüppling
Flammulaster limutatus. Der elfenbein- bis hellockerfarbene Fleckende
Schmierschirmling wird ca. 3-8 cm breit, besitzt einen häutigen
Ring und ist unterhalb des Rings braunschuppig. Er ist auf den ersten
Blick erkennbar. Schwieriger war der Orangebraune Flockenschüppling
zu identifizieren, der auf den ersten Blick wie ein kleiner Vertreter
der Gattung Gymnopilus, also wie ein kleiner Flämmling aussah.
Last but not least soll der Reifpilz oder Zigeuner
(Rozites caperatus) erwähnt werden, der in einem Buchenwald
nahe unserem Quartier gefunden wurde. Die Art ist in NRW vom Aussterben
bedroht und wächst überwiegend in Nadelwäldern.
Anfang
Oktober war das Pilzwachstum enttäuschend. Allerdings wurde bei Alme auf
Laubholz der Braunhaarige Wurzelrübling
(Xerula pudens) gefunden. Diese Art ist ein seltener Verwandter des überall
häufigen Schleimigen oder Grubigen Wurzelrüblings (Xerula
radicata). Ebenfalls noch im Oktober wurde während der Exkursion der
Essener Biologischen Gesellschaft in Hilchenbach im Fichtenforst der Nadelwaldöhrling
(Otidea abietina) gefunden. Dieser schön gefärbte Ascomycet gehört
zu der leicht kenntlichen Gruppe der Öhrlinge, deren genaue Bestimmung aber
mangels aktueller Bestimmungsschlüssel gar nicht einfach ist. Ein weiterer
bemerkenswerter Ascomycet wurde Anfang November in der Emmelkämper Mark am
Rand einer Sandgrube gefunden. Es handelte sich um den Schwarzbraunen
Büschelbecherling (Encoelia fascicularis). Die
Art besiedelte hängende bzw. liegende Äste einer gefällten Zitterpappel.
Sie ist verwandt mit dem Kleiigen Haselbecherling (Encoelia furfuracea),
aber ungleich seltener.
In der folgenden Tabelle ist die Anzahl der Meßtischblätter
mit Artnachweisen im Verbreitungsatlas der Großpilze Deutschlands (KRIEGLSTEINER
1991/1993) sowie der Gefährdungsgrad gemäß der Roten Liste der
Großpilze in NRW (SONNEBORN, SONNEBORN & SIEPE 1999) angegeben. Gefährdungskategorien:
1 = vom Aussterben bedroht, 2 = stark gefährdet, 3 = gefährdet, R =
Arealbedingt selten
Literatur: Jahn,
E. 1973: Russula odorata Romagn., ein häufiger Täubling mit atlantischer
Verbreitung? Westf. Pilzbriefe 9, Bd. H.8, S. 121-130. Röger, F. (2003):
Was ist eigentlich der Falsche Satansröhrling Boletus rubrosanguineus (Walty)
ex Cheype? Tintling 1(2003),S. 6-12.
| Wissenschaftlicher Name | Deutscher Name | RL
NRW | Frequenz NRW |
| Amanita franchetii | Gelbflockiger Wulstling | - |
1 MTB |
| Agrocybe putaminum | Falber Ackerling | - |
9 MTB |
| Arrhenia retiruga | Blasser
Adermoosling | - | 1 MTB |
| Biscogniauxia nummularia | Rotbuchenrindenkugelpilz | - |
5 MTB |
| Bolbitius reticulatus | Netzaderiger
Mistpilz | 3 | 20 MTB |
| Boletus
aereus | Schwarzhütiger Steinpilz | 2 |
4 MTB |
| Boletus queletii | Glattstieliger Hexenröhrling | 2 |
10 MTB |
| Boletus rubrosanguineus | Falscher
Satansröhrling | - | - MTB |
| Chamaemyces fracidus | Fleckender Schmierschirmling | 3 |
11 MTB |
| Cortinarius bulliardi | Feuerfüßiger
Gürtelfuß | 2 | 1 MTB |
| Encoelia fascicularis | Schwarzbrauner Büschelbecherling | - |
1 MTB |
| Flammulaster limutatus | Orangebrauner
Flockenschüppling | - | - MTB |
| Hypoxylon fraxinophilum | Eschen-Kohlenbeere | - |
- MTB |
| Nitschkia grevillei | Grevilles
Schwarzbecherkernpilz | - | 2 MTB |
| Otidea abietina | Nadelwaldöhrling | - |
- MTB |
| Psathyrella canoceps | Haarvelum-Faserling | - |
1 MTB |
| Rozites caperata | Zigeuner,
Reifpilz | 1 | 11 MTB |
| Russula
odorata | Duftender Zwergtäubling | 2 |
2 MTB |
| Russula olivacea | Rotstieliger Ledertäubling | - |
31 MTB |
| Sericeomyces sericifer | Seidenschirmling | R |
2 MTB |
| Xerula pudens | Braunhaariger
Wurzelrübling | 3 | 10 MTB |