Das Pilzjahr 2004

Im Rückblick auf das Pilzjahr 2004 soll an dieser Stelle eine Auswahl von 26 der bemerkenswertesten Funde kurz vorgestellt werden. Die Angaben in der abschließenden Tabelle beziehen sich auf die Anzahl der Meßtischblätter mit Artnachweisen im Verbreitungsatlas der Großpilze Deutschlands (KRIEGLSTEINER 1991/1993).
Auf den ersten Exkursionen im ersten Halbjahr 2004 standen die Ascomyceten im Mittelpunkt. Zu diesen Schlauchpilzen zählen in der Regel winzig kleine Pilze, aber auch größere Arten wie Morcheln und Lorcheln. Ein bemerkenswerter Fund aus der Gruppe dieser Winzlinge gelang im April auf der Halde Hoppenbruch. Ein Minipilzchen, das in kleinen Gruppen auf Laubholz wuchs, entpuppte sich als Zierlicher Pustelpilz (Nectria decora). Diese seltene Art weist eine ungewöhnliche Lebensweise auf. Sie schmarotzt auf den Sporen von Massaria inquinans. Dieser Wirtspilz besiedelt abgestorbene Ahornäste und weist ungewöhnlich große Sporen auf (75-95 µm), vgl. auch die ausführlichen Beschreibungen im TINTLING 2/2004.
Im Mai und Juni wurde außerdem im Hertener und Herner Raum 2x der Tigerrötling (Entoloma scabiosum) gefunden. Dieser kleine Rötling besitzt in NRW den Rote Liste-Status 2 (stark gefährdet), vgl. auch Th. Münzmay 1995 in APN 13/1, S. 10-13. Ebenfalls noch im Frühsommer wurde der Fleischrötliche Schönkopf (Calocybe carnea) in Rasenflächen auf dem Essener Parkfriedhof gefunden. Im Sommer erfolgte dann der erste Schub der Täublinge und Röhrlinge, der zuerst auf den parkartigen alten Waldfriedhöfen festgestellt werden konnte. Herausragend waren jedoch zwei Milchlinge, die in diesem Jahr erstmalig auf Essener Friedhöfen gefunden werden konnten. Es handelt sich dabei um den Gebänderten Hainbuchenmilchling (Lactarius circellatus) und um den Queraderigen Milchling (Lactarius acerrimus).
Bereits im Juli konnte anläßlich einer Exkursion auf dem Gelände der Bochumer Ruhr-Universität eine gut ausgebildete Gesellschaft von Parkrasenpilzen gefunden werden. Auf einer locker mit Eichengruppen bestandenen Grünfläche wuchsen u.a. Süßriechender Fälbling (Hebeloma sacchariolens), Wechselfarbiger Speitäubling (Russula fragilis), Wanzenmilchling (Lactarius cimicarius) und der Fleischviolette Heringstäubling (Russula graveolens).
Die Bochumer Uni ist die einzige uns bekannte Fundstelle von Lactarius cimicarius in unserem Exkursionsgebiet. Russula fragilis hingegen wurde später noch mehrfach gefunden (Bad Emstal/Hessen unter Eiche und in der Emmelkämper Mark in einem Kiefern-Lärchen-Bestand). Charakteristisch für die Art ist der rötlich bis bräunliche Hut mit dunklerer Mitte und der bonbonartige Geruch. Russula graveolens gehört zu der Gruppe der Heringstäublinge, wächst im Gegensatz zu dem eigentlichen Heringstäubling (R. xerampelina) jedoch unter Laubbäumen.
Im August fand die alljährliche Exkursion zur Fuelbecke-Talsperre statt. Hier gelangen wieder mehrere bemerkenswerte Funde. Am Wegrand entlang eines Bachtälchens wurde der Blaufüßige Rißpilz (Inocybe calamistrata) gefunden. Dieser stark sparrig beschuppte Pilz ist in NRW vom Aussterben bedroht (RL 1). Die Bindung an ein spezielles Biotop erscheint an der Fuelbecke jedoch nicht besonders ausgeprägt. Weiterhin wurden der Grünende Pfeffermilchling (Lactarius glaucescens = L. pargamenus) und auf Holzhäcksel der Sklerotien-Ackerling (Agrocybe arvalis) gefunden.
Nach diesem verheißungsvollen Sommer konnte der September die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Eventuell waren dies aber auch noch die Spätfolgen der für Pilze sehr ungünstigen Witterung des letzten Jahres. Erwähnt werden soll aber wenigstens der Fund des Verbogenen Milchlings (Lactarius flexuosus) im Raum Hilchenbach.
Im Oktober fand dann eine der interessantesten Exkursionen des Jahres 2004 statt. Gemeint ist die Wanderung in der Emmelkämper Mark, bei der u.a. der Natternstielige Schleimfuß (Cortinarius trivialis),Natternstieliger Schleimfuß der Schwarzgebänderter Harzporling (Ischnoderma benzoinum), das Adlerfarn-Sklerotienkeulchen (Typhula quisquiliaris) und später auch der Kohlenschüppling (Pholiota highlandensis) und der Zwergnestpilz (Mycocalia denudata) gefunden werden konnten. An denselben Stellen wie im letzten Jahr konnten auch der Rötlichgelbe Moosbecherling (Neottiella rutilans) und der Punktiertwarzigsporige Moosbecherling (Neottiella vivida) gefunden werden. Diese bis ca. 1,5 cm großen orangeroten Becherchen parasitieren an Moosen, s.a. DER TINTLING 36.
Der Natternstielige Schleimfuß wuchs unter Zitterpappel. Die unverwechselbare Art ist längst nicht so trivial wir der Name vermuten läßt. Der Kohlenschüppling ist ein typischer Besiedler alter Brandstellen. Der Zwergnestpilz ist mit einer Größe von bis ca.1,5 mm der kleinste europäische Bauchpilz. Der Schwarzgebänderte Harzporling besiedelt Nadelholz und wuchs in der Emmelkämper Mark an Kiefernstämmen.Adlerfarn-Sklerotienkeulchen
Bei einer Pilzwanderung mit der VHS Essen am 30.10.04 im Höseler Wald wurde an einem vermorschten Laubholzstubben der seltene Holztrichterling (Ossicaulis lignatilis=Clitocybe lignatilis) entdeckt.

Auch die Exkursionen Anfang November waren noch ergiebig. Auf der Exkursion ins Berger Tal (="Zillertal") im Bochumer Norden konnte der Runzelige Ackerling (Agrocybe rivulosa) in einem größeren Vorkommen entdeckt werden. Insgesamt konnte diese erst 2003 neu beschriebene Art im Jahr 2004 fünfmal nachgewiesen werden (Bochum-Riemke, Wattenscheid, Terrassenfriedhof in Essen-Schönebeck, Essener Südwestfriedhof und Remscheid). Anscheinend ist diese Holzhäcksel besiedelnde Art in rascher Ausbreitung befindlich.

Runzeliger AckerlingWeitere interessante Funde im Berger Tal waren der Veilchen-Rötelritterling (Lepista irina), der Laubholz-Harzporling (Ischnoderma resinosum) und der Gelbe Sklerotien-Haubenpilz (Heyderia sclerotipus). Der letztgenannte Pilz sieht aus wie ein winzig kleiner Spateling und wuchs zwischen verrottenden Pflanzenresten. Die Art parasitiert auf fremden Sklerotien von Typhulaarten. In den allermeisten Fällen ist es das Sklerotium des Linsen-Sklerotienkeulchens (Typhula phacorrhiza), vgl. DER TINTLING 19, S. 14-15. Der in NRW sehr seltene Laubholz-Harzporling wuchs an einem Rotbuchenast und war neu für unser Untersuchungsgebiet.
Auf der allerletzten Exkursion am 07.11. in die Hohe Mark gelang der Fund des Gelboliven Ellerlings (Hygrocybe grossula). Die Art besiedelt Fichtenholz und wurde in diesem Jahr in unseren ruhrgebietsnahen Exkursionsgebieten das erste Mal gefunden
.

Wissenschaftlicher Name Deutscher Name RL NRW
Frequenz NRW
Agrocybe arvalis Sklerotienackerling 3
8 MTB
Agrocybe rivulosa Runzeliger Ackerling -
- MTB
Calocybe carnea Fleischrötlicher Schönkopf -
14 MTB
Cortinarius trivialis Natternstieliger Schleimfuß -
8 MTB
Entoloma scabiosum Tiger-Rötling 2
- MTB
Hebeloma sacchariolens Süßriechender Fälbling -
18 MTB
Heyderia sclerotipus Gelber Sklerotien-Haubenpilz 3
4 MTB
Hygrocybe grossula Gelboliver Ellerling 3
18 MTB
Inocybe calamistrata Blaufüßiger Rißpilz 1
4 MTB
Ischnoderma benzoinum Schwarzgebänderter Harzporling 3
20 MTB
Ischnoderma resinosum Laubholz-Harzporling R
2 MTB
Lactarius acerrimus Queradriger Milchling 3
6 MTB
Lactarius flexuosus Verbogener Milchling 3
13 MTB
Lactarius cimicarius Wanzenmilchling -
k.A.
Lactarius circellatus Gebänderter Hainbuchenmilchling 3
41 MTB
Lactarius glaucescens Grünender Pfeffermilchling 2
26 MTB
Lepista irina Veilchen-Rötelritterling -
20 MTB
Mycocalia denudata Zwergnestpilz -
1 MTB
Nectria decora Zierlicher Pustelpilz -
k.A.
Neottiella rutilans Rötlichgelber Moosbecherling -
10 MTB
Neottiella vivida Punktiertwarzigsporiger Moosbecherling 3
4 MTB
Ossicaulis lignatilis Holztrichterling 2
5 MTB
Pholiota highlandensis Kohlenschüppling -
57 MTB
Russula fragilis Wechselfarbiger Speitäubling -
95 MTB
Russula graveolens Fleischvioletter Heringstäubling -
7 MTB
Typhula quisquiliaris Adlerfarn-Sklerotienkeulchen 3
2 MTB

T. Kalveram

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