Bemerkenswerte Pilzfunde im Jahr 2002

Das Pilzjahr 2002 brachte aufgrund des relativ feuchten Sommers durchgehend interessante Funde. Im folgenden soll eine kleine Auswahl von 19 bemerkenswerten Arten vorgestellt werden. Die Angaben im Text beziehen sich auf die Rote Liste der Pilze Deutschlands von 1996. Die Angaben in der abschließenden Tabelle beziehen sich auf die Rote Liste der gefährdeten Großpilze in Nordrhein-Westfalen von 1999 und die Anzahl der Meßtischblätter mit Artnachweisen auf die Angaben im Verbreitungsatlas der Großpilze Deutschlands (KRIEGLSTEINER 1991/1993).
Zwei bemerkenswerte Funde gelangen bereits im Februar. In seinem Hauswald in Herten zeigte uns Fredi Kasparek hunderte nur millimetergroße Fruchtkörper des Buchen-Hütchenträgers (Phleogena faginea, RL-D 2). Dieser Phragmobasidiomyzet war in NRW zuletzt Ende des 19. Jh. gefunden worden. Die Art wurde später als zweifelhafter Fund in der letzten Fassung der Roten Liste NRW gestrichen. Sie wurde jedoch im Jahr 2000 von zwei Pilzkundlern unabhängig voneinander wiedergefunden. Der Buchen-Hütchenträger fruktifizierte in Herten an abgestorbenen, stehenden Hainbuchen. Der zweite bemerkenswerte Fund im Februar war die Entdeckung des Gemeinen Kelchbecherlings (Sarcoscypha austriaca, RL-D 3) im Bochumer Süden. Damit sind aus dem Raum Bochum/Castrop-Rauxel/Herten nun vier Fundstellen dieser wunderschönen Art bekannt. Sie besiedelt morsche Ahorn-, Erlen- und Weidenstämme und ist anscheinend in Ausbreitung begriffen.
Ebenfalls noch sehr früh im Jahr konnten während der Exkursion in Haltern-Holtwick im April zwei Exemplare des Lilaschneidigen Helmlings (Mycena purpureofusca) entdeckt werden. Die Art besiedelt morsche Nadelholzstämme (in Haltern einen Holzstapel mit Lärchen- oder Kiefernholz). Bei feuchtkühler Witterung kann der Lilaschneidige Helmling im Frühjahr und Herbst gefunden werden, (Atlas: kein Nachweis in NRW). Die Art konnte bereits 1995 von Fredi Kasparek in Haltern-Sythen und Wulfen-Lavesum nachgewiesen werden.
SumpfhaubenpilzWeiter ging es im Mai mit dem Fund des Sumpfhaubenpilzes (Mitrula paludosa, RL-D 3) in einem Grabensystem im nordwestlichen Münsterland. Im Juli und August gelangen weitere schöne Ascomycetenfunde.In der Davert bei Münster und in der Hohen Mark am Ketteler Hof wurden mehrere Gruppen des Blauvioletten Erdbecherlings (Peziza celtica) an unbewachsenen Grabenrändern gefunden. Kennzeichen sind die isoliert-warzigen Sporen, die schwach keulig verdickten Paraphysen und der verdickte Fuß der Asci. Auf der Hohen Mark-Exkursion im August wurde außerdem am Wegrand eine schöne Gruppe der seltenen Schwarzen Lorchel (Helvella atra, RL-D 3) entdeckt.
Obligate Lärchenbegleiter sind in Mitteleuropa nur im Alpengebiet einheimisch. Im Zuge der forstlichen Ausbreitung der Lärche konnten diese Arten jedoch ihr Areal erweitern. Bekanntestes Beispiel ist der Goldröhrling (Suillus grevillei), der mittlerweile überall häufig ist. Sehr viel seltener ist der gelblichbraun gefärbte Lärchenritterling (Tricholoma psammopus). Er bevorzugt basische Böden und ist vor allem im Flachland selten anzutreffen. Um so bemerkenswerter ist der Nachweis dieser Art im Juli in Bad Bentheim. Eine verwandte Art wurde Ende August auf der Exkursion in einem Kiefernmischwald bei Dorsten entdeckt. Es handelte sich um den Weißbraunen Ritterling (Tricholoma albobrunneum, RL-D 3). Die Art ist ein Mykorrhizapartner der Waldkiefer, seltener wird auch Fichte akzeptiert. Der Weißbraune Ritterling kommt nur auf sauren, basenarmen Böden vor.
Von den vielen Täublingen, die dieses Jahr beobachtet werden konnten, z.B. Speisetäubling (R. vesca), Grüngefelderter Täubling (R. virescens) und Camembert-Täubling (R. amoenolens), soll hier nur der Buckeltäubling (Russula amara = R. caerulea) näher beschrieben werden. Diese Art besitzt einen dunkelviolett gefärbten Hut und gehört zu den unscharfen Dottersporern. Das Fleisch schmeckt mild, die Huthaut jedoch bitter (amara=bitter). Die Art ist streng an Kiefer gebunden und wächst nur auf sauren Böden, so auch im September bei Metelen.
Falscher SatansröhrlingAls Highlights des Jahres können einige Röhrlingsfunde gelten. Bereits im August gelangen bei Münster unter Eiche Nachweise des Wurzelnden Bitterröhrlings (Boletus radicans, RL-D 3) und des Falsche Satansröhrlings (Boletus rubrosanguineus).Der wärme- und kalkliebende Wurzelnde Bitterröhrling bevorzugt Parkanlagen und einzelstehende Bäume, v.a. Buchen und Eichen außerhalb des Waldes. Er ist ein kompakter Dickröhrling mit gelben Poren und kommt nördlich des 50. Breitengrads nur selten vor. Der Falsche Satansröhrling gehört zu einer taxonomisch schwierigen Gruppe. Ein wichtiges Merkmal ist die gesprenkelt schorfige Hutoberfläche. Synonyme sind B. satanoides und B. splendidus. Die Art war bisher nur aus Süddeutschland und der Eifel bekannt.
Weiterhin sollen zwei verbreitete und häufigen Arten erwähnt werden, die aufgrund ihrer Vergesellschaftung interessant sind. Die Rede ist vom Kuhröhrling (Suillus bovinus), der im September in der Ammert zusammen mit dem Rosaroten Schmierling (Gomphidius roseus, RL-D 3) gefunden wurde. Beide Arten sind an Kiefer gebunden. Der Rosarote Schmierling (23 MTB NRW) tritt nur sehr selten ohne den Kuhröhrling (>80 MTB NRW) auf, während umgekehrt dieser auch häufiger ohne seinen rosaroten Kompagnon gefunden werden kann. Der Rosarote Schmierling besitzt zwar Lamellen, ist aber weitläufig mit dem Kuhröhrling verwandt.
An der Fuelbecke-Talsperres gelang im August der Nachweis des Elfenbein-Röhrlings (Suillus placidus). Dieser Pilz besitz natürlicherweise ein kleines Areal im Alpenraum, wo er zusammen mit der Zirbelkiefer (Pinus cembra) vorkommt, und ein großes Areal im östlichen Nordamerika, wo er an die Weymouthkiefer (Pinus strobus) gebunden ist. Im Zuge der forstlichen Verbreitung der Weymouthkiefer in Europa konnte die Art ihr Areal erheblich vergrößern. In diesem Rückblick soll auch ein an sich häufiger Pilz berücksichtigt werden, der mir 2002 das erste Mal begegnete. Gemeint ist der Erlenschüppling (Pholiota alnicola). Er könnte auf den ersten Blick mit einem Schwefelkopf verwechselt werden, besitzt jedoch einen auffallend gelben Hut. Die Art wurde 2002 im Flach- und im Bergland dreimal jeweils an Birkenholz gefunden.
Zu den bemerkenswerten Vertretern der Bauchpilze gehörte neben dem Netzsporigen Kartoffelbovist (Scleroderma bovista, bei Olpe), Kammerdsternder Kamm-Erdstern (Geastrum pectinatum). Dieser bis 9 cm große Erdstern tritt v.a. in Fichten- und Kiefernwäldern auf kalkreichen Boden auf. Er besitzt eine gestielte Endoperidie, die am Grund oft längsgefurcht ist (Name!). Diese weltweit verbreitete Art wurde im September bei Bad Bentheim gefunden.
Auch im Ruhrgebiet konnten noch schöne Funde gemacht werden. So wurde im Bochumer Süden im Oktober der Erdigriechende Gürtelfuß (Cortinarius hinnuleus) gefunden. Dieser hellbraune Gürtelfuß mit einer ausgeprägten Ringzone ist deutlich "gestiefelt". Er ist nur von 11 MTB in NRW gemeldet. Er wurde im Oktober auch in Hilchenbach gefunden und dürfte in NRW häufiger sein als die Angaben im Atlas vermuten lassen. Im November ging es wiederum nach Haltern-Holtwick. Hier gelang an einem morschen Fichtenstumpf der Fund eines Exemplars des Wurzelnden Schwefelkopfs (Hypholoma radicosum). Die Art ist zwar schon oft in NRW nachgewiesen worden, bevorzugt jedoch die Höhenlagen der Eifel, des Rothaargebirges und des Teutoburger Waldes.

Wissenschaftlicher Name Deutscher Name RL NRW Frequenz
Boletus radicans Wurzelnder Bitterröhrling 3 9 MTB NRW
Boletus rubrosanguineus Falscher Satansrörling - - MTB NRW
Cortinarius hinnuleus Erdigriechender Gürtelfuß - 11 MTB NRW
Geastrum pectinatum Kamm-Erdstern 3 12 MTB Niedersachsen
Gomphidius roseus Rosaroter Schmierling 3 23 MTB NRW
Helvella atra Schwarze Lorchel 3 12 MTB NRW
Hypholoma radicosum Wurzelnder Schwefelkopf 3 32 MTB NRW
Mitrula paludosa Sumpfhaubenpilz 2 37 MTB NRW
Mycena purpureofusca Lilaschneidiger Helmling 1 - MTB NRW
Peziza celtica Blauvioletter Erdbecherling 2 6 MTB NRW
Phleogena faginea Buchen-Hütchenträger - 1 MTB NRW
Pholiota alnicola Erlen-Schüppling - 52 MTB NRW
Russula caerulea Buckeltäubling - 48 MTB NRW
Sarcoscypha austriaca Gemeiner Kelchbecherling 2 2 MTB NRW
Scleroderma bovista Netzsporiger Kartoffelbovist 3 27 MTB NRW
Suillus bovinus Kuhröhrling - > 80 MTB NRW
Suillus placidus Elfenbein-Röhrling - 3 MTB NRW
Tricholoma albobrunneum Weißbrauner Ritterling 2 7 MTB NRW
Tricholoma psammopus Lärchenritterling 2 7 MTB Niedersachsen

T. Kalveram

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